
Im Folgenden möchten wir einen Brief veröffentlichen, den wir im März
dieses Jahres gesendet haben an den Vorsitzenden der „gfbv“, Herrn Tilman Zülch.
Hintergrund war ein Kampagnenblatt der „gfbv“ zum EU-Beitritt der Türkei, in dem
im Zusammenhang mit in der Türkei verfolgten Minderheiten zwar ständig die Rede
war von den Kurden (und am Rande auch von Assyro-Aramäern, Armeniern und Yeziden),
die Zaza jedoch mit keinem Wort erwähnt wurden, stattdessen aber reine
Zaza-Widerstände als „Kurdenerhebungen“ bezeichnet wurden.
Auf diesen Brief haben wir trotz unserer ausdrücklichen Bitte und einer Fristsetzung bis zum heutigen Tag keine Antwort erhalten.
Offensichtlich will man also bei der „gfbv“ die tatsächlichen
Sachverhalte, die inzwischen auch vielfach (sprach-) wissenschaftlich belegt
sind, nicht zur Kenntnis nehmen.
Dies ist für uns ein ungeheures Ärgernis, da doch gerade die „gfbv“ es sich zum
zentralen Anliegen gemacht hat, bedrohte Völker in ihrem Kampf ums Überleben zu
unterstützen. Stattdessen wird hier eine (Informations-) Politik wider besseres
Wissen und damit ein erneuter, wenn auch „nur“ geistiger Völkermord betrieben.
Von einer Überparteilichkeit dieser Gesellschaft kann jedenfalls keine Rede sein! Dies sollten auch ihre Mitglieder und Förderer wissen.
Zu fragen bleibt noch, wessen Interessen durch dieses Verhalten vertreten werden sollen und welche Lobby dahinter steckt.
Krefeld, 06.11.2005
Ursula Cimen-Hogrebe, Hakki Cimen
***
Hakki CIMEN
Postfach 100419
47704 Krefeld
An die
gesellschaft für bedrohte völker,
z. H. Herrn Tilman Zülch
Postfach 2024
37010 Göttingen
Krefeld, 11.03.2005
Sehr geehrter Herr Zülch,
mit großem Interesse habe ich das Kampagnenblatt „Türkei in die EU?" der
gesellschaft für bedrohte völker gelesen, zumal ich selbst Betroffener bin.
Irritiert hat mich allerdings der Untertitel „15 Millionen Kurden ohne Rechte!"
und die Tatsache, dass in dem Papier als verfolgte Minderheiten in der Türkei
ausschließlich aufgeführt werden die Kurden, Assyro-Aramäer, Armenier und
Yeziden.
Von dem immerhin ca. 5-7 Mill. Menschen umfassenden Volk der Zaza hingegen ist
keine Rede, obwohl doch diese Gruppe in den Auseinandersetzungen zwischen PKK
und türkischen Militärs genauso zwischen die Fronten geraten ist wie die
kurdische Bevölkerung bis hin zur Zerstörung der Dörfer, Vertreibung der
Menschen usw.
Über diese unsachgemäße Darstellung hinaus werden in dem Artikel „Acht
Jahrzehnte Kurden- verfolgung“ auch reine Zaza-Widerstände (Dersim) als
„Kurdenerhebungen“ bezeichnet.
Inzwischen gibt es jedoch zahlreiche Forschungen mit entsprechenden wissenschaftlichen Belegen dazu, dass die Zaza ein eigenständiges Volk sind, das zwar mit den Kurden im selben Siedlungsraum lebt (wie weitere Völker der Region), jedoch ihre eigene Sprache, Kultur und Geschichte besitzen (Belege dazu im P. S.).
Als besonders prekär empfinde ich diese Vereinnahmung von Zaza als Kurden in Schriften einer Gesellschaft für bedrohte Völker auch vor dem Hintergrund dessen, dass sich viele Zaza selbst heute noch ihrer eigentlichen Identität gar nicht bewusst sind und sich als „Kurden" bezeichnen, obwohl bzw. gerade weil sie von diesen jahrelang vor den PKK-Karren gespannt worden sind (vgl. P.A. Andrews in “Ethnic Groups in the Republic of Turkey" / Türkiye'de Etnik Grupler.Tüm Zaman Yay. Istanbul 1992, S. 22 f. : „Da im Raum Dersim die religiöse Bindung schwächer geworden war, hat die junge Generation den Marxismus/Leninismus unbewusst wie eine Ersatzreligion aufgesogen und sich damit identifiziert") und auch heute noch vielfach für deren politische Zielsetzungen vereinnahmt werden.
Auch in Ihrem Brief an die EU in Sachen Hüseyin Aygün bezeichnen Sie die
Region Tunceli/Dersim als zu den „kurdischen Gebieten Süd- und Ostanatoliens“
zugehörig und sprechen davon, dass die Lokalzeitung Munzur Haber in „Türkisch
und „Kirmancki“ erscheine. Die betreffende Region ist jedoch überwiegend von
Zaza besiedelt.
Der Anwalt bezeichnet sich selbst als Zaza und nicht als Kurde.
Die genannten Familien, für die er Prozessbevollmächtigter ist, sind ebenfalls
Zaza.
Die nur von Zaza aus der Region Dersim für ihre Sprache gewählte Bezeichnung „Kirmancki“ hat mit der Bezeichnung für das kurdische Dialekt „Khurmanci“ eine klangliche Ähnlichkeit. Sie ist insofern irreführend, insbesondere auch deshalb, weil die beiden Bezeichnungen vielfach synonym verwendet werden, um damit Zaza zu Kurden zu machen. Was die Zaza-Sprache angeht, sollte man deshalb besser von „Zazaki“ sprechen. Fakt ist jedenfalls, dass es sich bei Kurden und Zaza um verschiedene Völker mit jeweils eigenen Sprachen und nicht etwa um Dialekte desselben Volkes handelt (siehe P.S.).
Ich bitte daher darum, dass in Ihren Publikationen in Zukunft durchgängig
eine entsprechende Unterscheidung vorgenommen wird, um den Betroffenen gerecht
zu werden und am Volk der Zaza nicht einen erneuten – wenn auch „nur“ geistigen
– Völkermord zu begehen.
Dieses Volk war und ist existent, wird jedoch in seiner weiteren Existenz und
Entwicklung bedroht durch Vereinnahmung nicht nur von türkischer, sondern
insbesondere auch von kurdischer Seite. Umso wichtiger ist es daher, dass große
Institutionen hier deutlich Zeichen setzen.
Von großer Wichtigkeit ist in diesem Zusammenhang auch, der Öffentlichkeit
einen sachgerechten Einblick in die Verhältnisse zu gewähren, damit politische
Forderungen im Hinblick auf Rückkehr der Vertriebenen in ihre Dörfer,
Gleichberechtigung der Sprache und Kultur der Zaza usw. erhoben und durchgesetzt
werden können.
Dies ist nicht zuletzt auch eine Frage des Selbst-Bewusstseins der Betroffenen.
Da ich eine fehlende Sensibilität in dieser Sache schon mehrfach beobachtet habe und dies für mich ein enormes Ärgernis darstellt, ich z. Zt. aber noch nicht sicher bin, ob diese beruht auf bloßer Unkenntnis der sicher komplizierten Sachverhalte oder auf einer Informationspolitik wider besseres Wissen, die geprägt wird durch eine bestimmte Lobby, bitte ich Sie innerhalb der nächsten 6 Wochen um eine Stellungnahme zu diesem Brief.
Mit freundlichen Grüßen,
Hakki Cimen, Lehrer und Autor
P. S.:
Oskar Mann schreibt schon im Jahr 1906 aus Siverek:
„Das Zaza ist kein kurdischer Dialekt, wie bisher allgemein angenommen ward."
(vgl. "Mundarten der Zaza hauptsächlich aus Siwerek und Kor", K. Hadank, Berlin
1932, S.19) und:
„Es bestätigt sich die schon vorher von mir verteidigte Ansicht, dass das Zaza
überhaupt gar nicht kurdisch ist, sondern in engster verwandtschaftlicher
Beziehung steht zu den Gurani-Dialekten in Persien, der Sprache aus Kändula (bei
Kermansah) und Auraman." (ebd., S.24) sowie:
„Trotz der westwärts vorgeschobenen Lage und der viel geringeren Kopfzahl der
Zaza im Vergleich zu Kurden hat die Zaza-Sprache kurdischen Einwirkungen sehr
wenig nachgegeben." (ebd., S. 23).
Bei D. MacDowall (1996) heißt es:
„Zazaki und Gurani sind miteinander verwandt und gehören zur nordwestiranischen
Sprachgruppe. Kurmanci und Sorani (kurdische Dialekte) gehören zur
südwestiranischen Sprachgruppe. Wahrscheinlich haben Zaza und Guranen mit
Deylemiten (Deylamiten) und Gilanen (Gailanen) dieselben Wurzeln."
P. G. Kreyenbroeks:
„Die kurdische Stämme dürften ursprünglich weiter südlich von den Medern gelebt
haben. Irgendwann einmal wanderten sie nach Norden ab und ließen sich in
Ostanatolien nieder. Möglicherweise vertrieben sie dabei ein anderes iranisches
Volk, das vielleicht im Süden des Kaspischen Meers gelebt hatte. Ein Zweig
davon, so scheint es, zog weiter nach Anatolien hinein, wo er zum Ahnen unserer
zeitgenössischen Zaza oder Dimli - wurde, die jetzt im Dreieck zwischen
Diyarbekir, Sivas und Erzurum leben." und „ Die Sprache der Zaza ist mit jener
der Gurani, von denen kleine Gruppen in der Gegend von Kermansah überlebten,
verwandt."
Bei Joyce Blau heißt es:
„Bevor die Kurden nach Anatolien kamen, lebten dort schon Zaza und Guranen und
andere Völker. Die kurdischen Einwanderer besetzten später die Region, die man
heute Kurdistan nennt. Die Kurden versuchten Zaza, Guranen und andere Völker zu
assimilieren und benannten alle als „Kurden".
Es gelang ihnen aber nicht, die gesamten Volksgruppen zu assimilieren. So gibt
es auch heute noch nicht kurdisch sprechende Völker in Kurdistan. Zaza und
Guranen widerstanden diesen Assimilationsversuchen absolut." (J. Blau im
Wörterbuch „Kurdisch/Türkisch, Kurdisch/Französisch, Kurdisch/Englisch ", Sosyal
Yay./Istanbul 1992, 1996).
Weitere Informationen zur Thematik sind nachzulesen bei F. C. Andreas, V. Minorsky, D. N. Mackenzie, T. L. Todd, A. Christensen, A. M. Benedictsen, Andranik und den modernen Linguisten Zılfi Selcan, Jost Gippert, Ludwig Paul und C. M. Jacobson.
Im Folgenden möchte ich die Antwort der gfbv auf meine Internet-Veröffentlichung des vorausgegangenen Schriftwechsels in Sachen Zaza-Identität (06.11.05) dem interessierten Leser zur Verfügung stellen.
Ob der dort aufgeführte Grund für das 8- monatige (!) Ausbleiben einer Antwort („Leider ist unser Nahostreferat schon seit einer längeren Zeit aus verschiedenen Gründen nur stiefmütterlich besetzt, …“) bei nach entsprechender Internet-Veröffentlichung nun innerhalb von 9 Tagen möglicher Antwort dem geneigten Leser glaubwürdiger erscheint als die von mir dahinter vermutete Lobby, möge dieser selbst entscheiden.
Die tatsächliche Haltung der gfbv wird in Zukunft jedenfalls an ihren Taten in dieser Angelegenheit zu beurteilen sein, die ich sehr genau verfolgen werde.
Den von der gfbv angefragten Artikel für die Zeitschrift „Pogrom - bedrohte Völker“ bin ich gerne bereit, bald möglichst zur Verfügung zu stellen.
Auch dieses Forum werde ich in dieser Angelegenheit weiter nutzen, um den öffentlichen Charakter zu wahren.
Hakki Cimen
Thema: GfbV - Zaza
Datum: 15.11.2005 13:10:03 Westeuropäische Normalzeit
Von: europa@gfbv.de
An: Xhakki@aol.com
Kopie an:info@gfbv.de, politik@gfbv.de, a.hermes@gfbv.de, presse@gfbv.de, europa@gfbv.de, redaktion@gfbv.at, hans.bogenreiter@gfbv.at, office@gfbv.at, info@peuples-menaces.ch, ruth-gaby.vermot@peuples-menaces-ch, franziska.stocker@peuples-menaces.ch, andre.rollinger@online.lu, smergen@pt.lu
Liebe Freunde, sehr geehrter Herr Cimen,
wir danken Ihnen herzlich für Ihren Brief und auch für die nochmalige Aufforderung zu einer Antwort. Wir möchten uns gleichzeitig entschuldigen, dass wir bislang noch nicht reagiert haben. Leider ist unser Nahostreferat schon seit einer längeren Zeit aus verschiedenen Gründen nur stiefmütterlich besetzt, so dass es leider vorkommt, dass wir nicht schnell oder auch nicht angemessen reagieren. Das tut uns sehr leid und wird sich hoffentlich bald ändern. Wir haben Ihren Brief mit großem Interesse aufgenommen und möchten uns als Organisation gerade für Minderheiten mehr Zeit für eine Recherche vor Ort nehmen. Wir haben viele Freunde aus der Region Tunceli / Dersim und auch Kontakte in die Region, so dass es uns hoffentlich gelingen wird, mehr zu erfahren. Wir möchten Ihnen gerne vorschlagen, Ihren Standpunkt und die von Ihnen zitierten Forschungsergebnisse in einem Beitrag für unsere Zeitschrift „Pogrom – bedrohte Völker“ zusammen zu fassen. Wir werden uns nach einer intensiveren Beschäftigung mit diesem Thema nochmals mit Ihnen in Verbindung setzen und sind froh über Hinweise auf Forschungsergebnisse und andere Quellen. Seien Sie versichert, dass die ausbleibende Antwort auf Ihren Brief nichts mit der von Ihnen angesprochenen Lobby zu tun hat, sondern leider alleine mit unseren mangelnden Ressourcen im Nahostreferat und vielen dringenden Aufgaben und Anfragen z.B. auch von Menschen, die akut von Abschiebung in die Türkei bedroht sind, nachdem sie viele Jahre hier gelebt und ihre Kinder hier aufgezogen haben und dergleichen mehr.
Mit Bitte um Ihr Verständnis und herzlichem Gruß auch von unserem Generalsekretär Tilman Zülch, Sarah Reinke
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Gesellschaft fuer bedrohte Voelker
Europa-Referat
Postfach 2024, D-37010 Goettingen
Tel.: +49/551/49906-0, Fax: +49/551/58028
E-Mail: europa@gfbv.de, Homepage: www.gfbv.de
Hakki Cimen
Postfach 100419
47704 Krefeld/ D
Krefeld, 21.11.05
Sehr geehrter Herr Zülch,
es hat mich gefreut, nach 8 Monaten doch noch eine Antwort auf meine Anfrage vom 11.03.05 in Sachen „Zaza-Identität und Umgang der gfbv mit dieser Frage“ erhalten zu haben.
Die von Ihrer Mitarbeiterin Frau Sarah Reinke vorgebrachte Entschuldigung für die verspätete Reaktion („Leider ist unser Nahostreferat schon seit einer längeren Zeit aus verschiedenen Gründen nur stiefmütterlich besetzt, ...) kommt mir jedoch nicht glaubwürdig vor, war doch nach meiner Veröffentlichung im Internet plötzlich eine Antwort innerhalb von nur einer Woche möglich.
Die tatsächliche Haltung der gfbv in dieser Angelegenheit wird in Zukunft jedenfalls an ihren Taten zu beurteilen sein, die ich sehr genau verfolgen werde.
Den angefragten Artikel für die Zeitschrift „Pogrom - bedrohte Vö¶lker“ bin ich gerne bereit, bald mö¶glichst zur Verfügung zu stellen.
Mit freundlichen Grüßen,
Hakki Cimen
Zaza-House
Berlin am 2004-06-17
Akademikervereinigung der Zaza in Europa
Eschgo@freenet.de
z. H. Herrn Zülch
Postfach 2024
37010 Göttingen
Sehr geehrter Herr Zülch,
In ihrem Kampagnenblatt „Türkei in die EU?“ ihrer Gesellschaft, verleugnen sie die Existenz des Zaza – Volkes. Das führt zur ungleich Behandlung der Minoritäten, deren Rechte sie doch bisher verteidigt haben.
Sie sind verpflichtet als öffentliche Institution diese Fehlbehandlung zu korrigieren.
Unser Volk wird sowohl im Heimatland als auch in der deutschen Diaspora unterdrückt. Unsere Zaza- Kinder wurden im „muttersprachlichen Türkischunterricht“ in den Schulen türkisiert. Ihre Ursprungsidentität wird damit entwertet mit dem Begriff des Bergtürken. Diese Entwertung zeitigt Konsequenzen bis in Eltern –Kindbeziehung. Dies fällt nach der Haager Konvention Absatz 2 unter Genozid, der im Geltungsbereich des deutschen Grundgesetzes durchgeführt wird. 1937/38 wurde von der türkischen Zentralgewalt mit Hilfe der Kurden an unserem Volk ein Genozid verübt. Zur Verschleierung dieses „Crimen Magnum“ sprechen die Türken von einem Bürgerkrieg und die uns vereinnahmenden Kurden von einem kurdischen Aufstand in Dersim.
Der Völkermord an unserem Volk wird verschleiert durch die großen Völkermordlügen der Türken und auch der Kurden.
Die Unterdrückung des Zazavolkes ist so vielschichtig, dass sie immer noch Schwierigkeiten haben zu einer politischen Repräsentanz zu kommen. Auf Grund dieser Schwierigkeiten werden die Zaza von allen politischen Kräften vereinnahmt. Die Türken machen aus uns Bergtürken und die nationalistischen Kurden ordnen uns ihrer eigenen Ethnie unter um ihr Territorium zu vergrößern. Das sind Tatsachen von denen ihre Gesellschaft sich durch die unterschiedlichen politischen Strömungen nicht irritieren lassen sollte, um die Rechte der Zaza, wie die aller anderen Minoritäten mutig zu verteidigen.
Wir gehen davon aus, dass wir ihnen bisher unbekannt sind. Deshalb wird der Verfasser der „Narren“, Herr Hakki Cimen in einer weiteren Stellungsnahme das Volk der Zaza näher erklären.
Mit freundlichen Grüßen
Zaza-House
Der Vorstand
Esther Schulz-Goldstein, Dr. Zülfü Selcan